DAS BESONDERE DER SUITE

Die Suite hat einen besonderen interkulturellen Aspekt: Die Begegnung der östlichen mit der westlichen Kultur findet auf gleicher Augenhöhe statt. Sie hat aber auch einen besonderen musikalischen Reiz: Die Auseinandersetzung asiatischer Musiksysteme mit einem europageprägten kammermusikalischen Ensemble, eingebettet in ein spannungsreiches Rhythmusgeflecht, ist das Novum dieser Komposition.

Zu fast allen Instrumenten aus dem Fundus westlicher Musik, wie Gitarre, Violine, Flöte, Rohrblatt Instrumente wie Klarinette oder Doppelrohrblatt-Instrumente wie Englischhorn und Oboe gibt es Verwandte in dem Kosmos asiatischer Klanginstrumente wie die veena, sitar, sarangi, dilruba, shenai und nagasvaram.

Vermeintlich disparate, stark auseinander liegende Musikwelten werden miteinander verbunden. Unser europäisches DUR/MOLL Verständnis trifft auf die reiche Welt der indischen Ragas, verschiedener pentatonischer Systeme aus Kambodscha, Bali, Java, usw. Man denke an den Reichtum der indischen Talas, rhythmischer Basisstrukturen, die weit über unser europäisches 2er und 3er Gefühl hinausgehen. Es werden z.B. Rupaka Tala, Kula Tala und Mandari Tala, also 7/4, 9/4 und 11/4 Takt eingesetzt (für Kenner: der 9/4 Takt wird als 2/4, 3/4 , 4/4 Struktur musiziert und nicht europäisch: 3 · 3 · 3). So verzahnen sich beide musikalische Welten zu einer neuen Kraft von einzigartiger Qualität.

ZUM KOMPONISTEN SIGI SCHWAB

Der Ausnahmegitarrist und Komponist lässt sich nicht in Schablonen pressen. Schon früh musizierte er in den unterschiedlichsten „Szenen”. Mit dem Diabelli Trio spielt er Wiener Klassik, aber auch Avantgarde Musik und in eigenen Bearbeitungen Walzer, Tangos sowie Ragtime. Mit dem Percussion Project lotet er das weite Land zwischen Jazz und Anrainern der ethnologischen Musik Asiens, Afrikas und Südamerikas aus. Sein musikalisches Spektrum hat sich ständig erweitert und bildet die Basis für ein einzigartig weitgefasstes Musikverständnis. Musikalisches Feingefühl, rhythmische Präzision, das Feuer seiner Phantasie und eine hörbare Lust an der Musik begeistern sein Publikum seit vielen Jahren.

Aussereuropäische Musikphänomene haben schon sehr früh seine Aufmerksamkeit gefunden: immer wieder pflegte er die Kontakte zu Künstlern des asiatischen Raumes. Tief beeindruckte ihn die Begegnung mit dem legendären indischen Sitar Virtuosen Ravi Shankar. Ergebnisse dieser Erfahrungen flossen seit vielen Jahren in seine Kompositionen für Sigi Schwab & Percussion Project und Mandala ein.

Reisen in jüngerer Zeit zu den asiatischen Kulturen offenbarten ihm in ergreifender Weise die Allgegenwärtigkeit der figürlichen Nacherzählung des Mythos: das narrative Ramayana-Fries von Angkor-Wat hinterließ in ihm eine tiefe Passion für eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Epos und fand seinen künstlerischen Niederschlag in der neuen Komposition Ramayana. Die ganze Essenz seiner musikalischen Erfahrungen in Ost und West, den ganzen Kosmos seiner musikalischen Welt, in langjährigen Studien gereift, bündelt er in diesem Werk.

ZUR MYTHOLOGIE DES RAMAYANA

Zu allen Zeiten haben die grossen Weltepen, wie die Odyssee und die Ilias, die Artus- und die Nibelungensaga, das Gilgamesch Epos oder das finnische Kalevala - um nur einige zu nennen - die Kulturen wesentlich geprägt, die Menschen in ihren Bann gezogen und Künstler aller Sparten inspirierend beflügelt.

Das Ramayana (Ramas Lebenslauf) ist eines der frühesten Sanskrit Epen und neben dem Mahabharata eines der beiden großen indischen Nationalepen. Seine genaue Entstehungszeit ist unklar, sie liegt zwischen dem 4. Jh. v.Chr. und dem 2. Jh. n.Chr.

INHALT DES EPOS

In dem dem Dichter Valkimi zugeschriebenen Werk, der die bis dato nur mündlich überlieferten Veden zum ersten Mal schriftlich in Versform festhielt, werden Leben und Schicksal des vorbildhaften Prinzen Rama, einer Inkarnation Vishnus, erzählt, der auf die Welt kommt, um diese von dem bösen Dämonen Ravana zu befreien. Die Liebe zu Sita, seiner schönen und edlen Gattin, die ihm in die Verbannung, in die ihn sein Vater schickt, in den Wald folgt, nimmt einen zentralen Raum ein. Sie verbringen eine glückliche Zeit im Einklang mit der Natur und den Tieren des Waldes.

Da gelingt es Ravana mit einer List in diesen unberührten Kreis einzubrechen, er entführt Sita in einem “Wagen der Lüfte, der der Sonne glich” auf eine ferne Insel, nach Sri Lanka. Bei dem Versuch der Rückgewinnung Sitas trifft Rama auf ein Wesen, dessen grenzenlose Loyalität sich als sehr wertvoll im Kampf gegen die Dämonen erweisen sollte: dieses Geschöpf war der Affenmensch Hanuman, Sohn des Windgottes, unübertroffen an Sanftmut, Klugheit und Kraft. Nur Hanuman war in der Lage, sich zu einer solchen Größe aufzublasen, dass er das Meer mit einem Schritt überschreiten konnte. So findet er Sita, darauf eilt Rama zur Insel, das Heer Hanumans baut ihm eine Brücke aus ihren Leibern, damit er das Meer überqueren kann. Mit Hilfe einer riesigen Anzahl von Affenmenschen und des unfehlbar treffenden Pfeils von Brahma gelingt es Rama, den mächtigen Ravana zu bezwingen und Sita zurückzuerobern. Zurück in Ayodhya besteigt Rama nach einer grossen Siegesfeier den Thron.

DAS RAMAYANA IST HEUTE NOCH LEBENDIG

Bilder von poetischer Schönheit durchziehen das Epos. „Das Ramayana ist in Indien noch immer eine lebendige Kraft, in Übersetzungen und Bearbeitungen und auf jene vielfältige Art, in der Überlieferungen und Legenden sich ausbreiten und Bestandteil der Lebensweise eines Volkes werden” (J. Nehru). Im Zentrum des Epos steht die Liebesgeschichte und das vorbildhafte Verhalten der Helden: Bis heute nimmt die märchenhafte Geschichte von Rama und Sita breiten Raum im alltäglichen Leben Südostasiens ein, weil seine Helden ihrem dharma folgen. Sie sind in ihren Handlungen beispielhaft für die hinduistische Ethik. So werden unzählige Jungen und Mädchen heute noch nach ihnen benannt. Damit bestimmen die moralischen Leitfiguren dieses Werks den ganzen Kanon der ethischen Verhaltensweisen bis in die Gegenwart hinein.

“Besonders die beiden wichtigsten dieser Gedichte, das Ramayana und das Mahabharata, legen uns die Weltanschauung der Inder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit, Verwirrung, phantastischen Unwahrheit und Zerflossenheit und ebenso umgekehrt in der schwelgenden Lieblichkeit und den individuellen feinen Zügen der Empfindung und des Gemüts dieser geistigen Pflanzennaturen dar” (G.W. F. Hegel, Aesthetik, 1842). Das Epos Ramayana ist in Drama, Bildender Kunst, Musik und Tanz allgegenwärtig. Von den Medien eher am Leben gehalten als verdrängt, bleibt das Ramayana als eine ethisch-kulturelle Verständigungsebene für ganz Südostasien gültig.

SUITE IN FÜNF SÄTZEN

AM HOF VON AYODHYA

Der Auftrag an Vishnu, Ravana, den Gott der Dämonen, zu besiegen – Vishnus Inkarnation als Prinz Rama am Hof von Ayodhya – Verstossung und Verbannung von Rama und dessen Frau Sita.

LEBEN IM WALD

Glück Ramas und Sitas in der Einsamkeit – Leben im Einklang mit der Natur und den Tieren des Waldes – Beginn des Kampfes gegen die Dämonen – Rama tötet die Schwester von Ravana – Ravana rächt sich mit der Entführung Sitas.

HANUMANS HILFE

Rama auf der Suche nach Ravana, um Sita zurückzugewinnen – Im Reich der Affen: der grosse Affenmensch Hanuman, der edle Sohn des Windgotts, sichert ihm Unterstützung zu – Hanuman und seine Heerscharen von Affen strömen in die ganze Welt aus auf der Suche nach Sita – Auf einer Insel im Meer hält Ravana Sita versteckt – Hanumans grosser Sprung über das Meer – Hanuman findet Sita.

RAMA EROBERT SITA ZURÜCK

Rama bricht auf, um Sita zurückzuholen – Die Affenmenschen bauen ihm eine Brücke über das Meer aus ihren Körpern – Sie unterstützen ihm im Kampf gegen Ravana – Schrecklicher Kampf zwischen Affen und Dämonen – Rama tötet Ravana – Die Erde erzittert.

NACH DEM SIEG

Erholung von dem Kampf: Besinnung und Ruhe – Feierliche Heimkehr an den Hof von Ayodhya – Ganz Ayodhya feiert die glückliche Rückkehr von Rama und Sita. Rama besteigt den Thron.

PRESSETEXT

RAMAYANA - West-Östliche Klangwelten
Suite in fünf Sätzen von Sigi Schwab

Sigi Schwab & Percussion Project
Ramesh Shotham (perc)
Andreas Keller (dr, perc)

Ensemble Amanti della Musica
Willy Freivogel (Flöte, Altflöte)
Andreas Vogel (Oboe, Englisch Horn)
Rainer Schumacher (Klarinette, Baßklarinette)

Die Kultur fremder Länder war schon immer ein großes Faszinosum für Sigi Schwab. Insbesondere die Musik des indischen Subkontinents zog ihn magisch an. Prägend war in den späten 70-er Jahren das Zusammenspiel mit dem Balinesischen Orchester von Saba und Blabatut. Aus dieser Zeit stammen seine ersten Materialsammlungen zum Thema RAMAYANA, dem großen Mythos der Hindus. Reisen nach Vietnam, Südindien, Bali, Indochina mit immer neuen musikalischen Erfahrungen, wie z.B. dem balinesischen Kejak oder den indischen Ragas, sowie neue, oft in Bildersprache erzählten Versionen des Ramayana formten den Wunsch, das Epos mit kammermusikalischen Mitteln moderner Instrumentalmusik zu gestalten und dabei das Percussion Project mit Ramesh Shotham und Andreas Keller und das Ensemble Amanti della Musica mit Willy Freivogel, Andreas Vogel und Rainer Schumacher als Klangkörper einzusetzen.

In einer füfsätzigen Suite wird die Geschichte der siebten Incarnation Vishnus zusammengefasst. Dabei folgt Schwabs RAMAYANA in erster Linie dem Auf und Ab der emotionalen Leitlinien, der Dramaturgie des Epos. Die fünf musikalischen „Bilder“ können so in der Phantasie eines jeden Zuhörers Gestalt annehmen.

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Am Hof von Ayodhya - Im Wald und Sitas Entführung - Garuda und Hanuman - Kampf gegen Ravana - Ruhe nach dem Sieg und Rückkehr nach Ayodhya

INFORMATION

Melos Musik Verlag · Postfach 710644 · D-81456 München

www.melosmusik.de · mail: info@melosmusik.de

Klangskulpturen: Peter R. Müller · www.peter-r-mueller.de

Fotos: Michael Duftschmid; www.fotoduftschmid.de und
Peter R. Müller · www.peter-r-mueller.de

Text, Redaktion: Monica Poalas

Gestaltung: Agentur Kappa GmbH, www.agenturkappa.de

München, Juni 2008